Elementare KünstlerInnen

  element_erde  Frank Bölter, Berlin
 

Frank Bölter verwickelt Öffentlichkeiten gerne in komplexe Kommunikationsprozesse, die oft zur gemeinsamen Herstellung monumentaler Skulpturen genutzt werden.

2006 faltete er mit Mönchen des Zisterzienserordens ein überdimensioniertes Papierschiff aus Tetra-pac, mit dem er anschließend eine ca. 600 Seemeilen lange Schiffsreise entlang der europäischen Kultivierungs- und Kolonialisierungswasserwege antrat: Auf großer Fahrt.

Die Akropolis Linz, eine durch die Bewohner des Linzer Stadtteils ‚Auwiesen’ erbaute Kopie des Athener Parthenons aus Pappe im Maßstab 1:2, stand 2009 in der europäischen Kulturhauptstadt Linz nur einen Tag, bevor ein Orkan sie in Trümmer zerlegte.

Bei der Konzeption seiner spektakulären Projekte ist Bölter in der Recherchephase, beim Aufspüren der Kontexte offen für jedem Hinweis, sei er auch noch so klein: Bei der Vorbereitung zum Linzer Projekt, das im Rahmen zweier repräsentativer Kulturveranstaltungen (Linz Kulutrhauptstadt Europas 2009; Festival der Regionen) in die Planung ging, stieß Bölter auf diese Zeile in Hermann Gilms Widmungsgedicht an den Pöstlingberg, einer aktuell von Reihenhausarchitektur aus den 80ern atmosphärisch geprägte Linzer Siedlung: „O Pöstlingberg, du Landeshort, / Du Perle der Provinz, / Du Segensquell und Gnadenort / Akropolis von Linz“. Dem beengten Erscheinungsbild des Stadteils Auwiesen steht schon bald die monumentale Pappskulptur Akropolis Linz gegenüber. Nach der Fertigstellung wurde das Denkmal der Öffentlichkeit übergeben und den Einflüssen von Wetter und Vandalismus schutzlos ausgesetzt. Dem kollektiven Kraftakt des Erschaffens einer Weltkulturerbe-Denkmalkopie folgte die Zerstörung im Zeitraffer.

Im Konzepttext zur Arbeit „Haus – savoir vivre“ verheißt Bölter die „Verwirklichung des Traumes von Einfamilienhaus ohne die Last einer Verschuldung auf Lebenszeit“. Für Frank Bölter steht der kollektive Erfahrungswert von zweckfreier Beschäftigung dabei im Mittelpunkt. Er spricht von „kulturellem Zusammenhalt“ und „sozialem Mörtel“, mit dem Bausünden verfüllt werden. Das Papphaus wird nach Fertigstellung der Nachbarschaft übergeben und steht mit seiner skulpturalen Erscheinung und seinem Raum spielenden Kindern/Flaneuren/Obdachlosen zur freien Verfügung. das Papphaus verwittert, erscheint in zeitlichem Wettbewerb mit den Nachbarhäusern - die „Lebenszeit“ eines typischen Einfamilienhauses ist verkürzt wahrnehmbar.

Für das aktuellste Projekt Peacemaker (Papierpanzer der Flüchtlinge) – LEOrigamiPARD III (Papierpanzer der Bundeswehr), das im Juli/August 2012 zugleich in der Berliner Alte Desinfektionsanstalt und dem Dresdner Militärhistorischen Museum der Bundeswehr präsentiert wird, zückt Frank Bölter die Waffen der Kunst, um auf politische Mißstände in Flüchtlings- und Verteidigungspolitik aufmerksam zu machen. Im Dezember 2010 erhielt der Kommandeur 1. PzDiv. der Bundeswehr in Hannover einen Brief mit der Frage nach dem Interesse einer Kollaboration zwischen Kunst und Militär zur Herstellung eines lebensgroßen Faltpanzers im fernöstlichen Kunsthandwerk Origami. Im Januar 2011 erklärte sich das Bundesministerium der Verteidigung bereit, das Projekt zu unterstützen und erließ im Anschluss einen Befehl zur Durchführung der Faltübung mit Soldaten der Bundeswehr. Im Februar 2011 erhielten Unicef, ProAsyl, der deutsche Flüchtlingsrat, The Voice, Karawane und andere öffentliche Flüchtlingsorganisationen eine Einladung zur Teilnahme an einem Kunstprojekt, um auf die immer dringlicher werdende Lage von Flüchtlingen jenseits der üblichen politischen Diskussionsfelder durch die Kunst aufmerksam zu machen. Das Projekt Peacemaker wird von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des Programms „Über Lebenskunst“ gefördert.

Wiederkehrende Motivation von Frank Bölters Kunstprojekten ist die Integration von „kunstfernen Institutionen und Personen“ (Ordensleute, Wasser- und Schifffahrtsämter, die Wasserschutzpolizei, Bauherren, Nachbarn, Stadteilbewohner, Flüchtlinge, Bundeswehr-soldaten, Politiker) in einen kunstimmanenten Erfahrungsprozess. Durch die Teilhabe an einem imposanten kreativen Schaffensprozess, verändert sich wünschenswerter Weise und die hoffentlich die Weltwahrnehmung der Beteiligten ein wenig.

Kurz


www.frankboelter.de


geboren 1969, Bildhauerstudium an den Kunstakademien in Münster und Barcelona, Meisterschüler von Daniele Buetti, lehrt an der Christian-Albrechts- Universität in Kiel, lebt in Köln.

EINZELAUSSTELLUNGEN/PROJEKTE (Auswahl): 
2013 "Der gespenstige Reiter", Museum Kunst der Westküste, Föhr/Kunsthalle Emden 2012 "leORIGAMIpard III", Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden 2011 "Peacemaker/leORIGAMpard III", Haus der Kulturen der Welt, Berlin Limesturm Bad Ems, Kurpark Bad Ems 2010 "Mauerwerk", Haus am Waldsee, Berlin; "To the world’s end", Themse, London; Frank-Bölter-Park, Vorgebirgspark, Köln (K) 2009 "It’s aqua origami, all right, but is it art?", Columbus Art; Foundation, Leipzig (K); "BelgradeWall", Goethe-Institut und Platz der Republik, Belgrad (K); "Akropolis Linz", Linz, Österreich 2008 "Modell und Wirklichkeit", mit Th. Wrede und Th. Prautsch, Galerie im Rathaus, Lippstadt; "stretching Berlin", öffentlicher Projektraum S1, Berlin; 2007 "hiroshiitake", Columbus Art Foundation, Ravensburg (mit Julia Staszak) "Bis ans Ende der Welt", Künstlerhaus Lauenburg 2006 "Little Boys", Neues Kunstforum, Köln; "Auf großer Fahrt von Citeaux nach Gravenhorst", Kunsthaus Kloster Gravenhorst (K); "Haus – savoir vivre", Bürgerforum „Im Osteresch“, Bünde 2005 "Locus", Galerie J. Mautsch, Köln 2004 "Auf großer Fahrt", Wewerka Pavillon, Münster (K) 2002 "Malerei", Galerie J. Mautsch, Köln
GRUPPENAUSSTELLUNGEN/FESTIVALS (Auswahl): 
2012 KAAI-Theater, Brüssel; Les tombees de la nuit, Rennes 2011 "Metropolis", Kopenhagen International Theater, Kopenhagen 2010 "Drift10", Illuminate Productions, London; "Trouble #5", halles, Brüssel; "After Work Art", Columbus Art Foundation, Ravensburg; "Kunst + Leben", Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Hörstel (K) 2009 "Festival der Regionen", Linz (K) 2008 "Und die Angst reist immer mit", Galerie Neues Problem, Berlin; "ANTI-Festival", Kuopio, Finnland 2007 "Luleas Summer Biennal", Luleâ, (K); "Bombing Lier", Vorkaamer Gallery, Lier, Belgien 2005 "KölnKunst 7", Colonius Carré, Köln (K) 2003 "evolutionäre zellen - selbstbeauftragtes Gestalten gesellschaftlicher Perspektiven", NGBK, Berlin (K)
PREISE und AUSZEICHNUNGEN: 
2011 Schloss Balmoral Kulturstiftung des Bundes 2010 Kulturstiftung des Bundes 2008 Kunststiftung NRW 2007 Künstlerhaus Lauenburg; Künstlerhaus Schöppingen; Publikationsförderung Stiftung Kunstfonds; International Art Award, Lulea, Schweden 2006 Projektstipendium Pilotprojekt Gropiusstadt, Berlin; Columbus Art Foundation, Ravensburg/Leipzig; Kulturförderpreis Kreis Herford 2005 Projektstipendium Kunsthaus Kloster Gravenhorst 2003 Europastipendium der Kunstakademie Münster
FACHGEBIET: 
spektakuläre DADA-Großprojekte aus Pappe mit bürgerschaftlicher Partizipation

PROJEKTIDEE: 
monumentale Behauptung mit ephemerem Charakter

ZUORDNUNG: 
Element Erde